Figaros Hochzeit- Gießener Allgemeine Zeitung



Figaros Hochzeit
Gießener Allgemeine Zeitung, 16. März 2009Amouröses auf dem Weg zur Guillotine
Erfolgreich tut dies jetzt das Stadttheater Gießen mit Beaumarchais’ »Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit«.

Die Premiere am Freitagabend, die neben allen Tollheiten auch leise, nachdenkliche und kämpferische Töne bot, wurde am Ende stürmisch beklatscht, während außer wenigem Szenenapplaus die Aufführung sehr aufmerksam und still verfolgt wurde.

In der Theatergeschichte kommt es immer wieder vor, dass musikalische Adaptionen die Schauspielvorlage fast vergessen lassen. Man denke an Oscar Wildes »Salome«, deren sich Richard Strauss annahm, oder wer nimmt beim Musical »My fair Lady« noch zur Kenntnis, dass dahinter George Bernard Shaws »Pygmalion« steckt und letztlich ein antiker Mythenstoff. Ähnlich verhält es sich mit Wolfgang Amadeus Mozarts Oper »Le nozze di Figaro«, hinter der sich der mittlere Teil der Figaro-Trilogie des Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais verbirgt.
Dennoch – oder gerade drum – gilt es, jene Verborgenheit zu lüften und die Grundlagen auf ihre Bühnentauglichkeit hin zu überprüfen.
Regisseur Klaus Hemmerle, der als Schauspieler die Rolle des Figaro zu seinem Repertoire zählen kann, sieht den Text des Jahres 1784 von den sich anbahnenden Folgerungen her, lässt folglich zu Beginn und am Ende ein revolutionär sich gebärdendes Volk einen Karren begleiten, der Adlige zum Schafott, zur Guillotine bringt. Das ist ein packender Beginn, der auch deshalb Sinn macht, weil auf ihn Teile des heftigen Monologs von Figaro folgen, die original zu einem späteren Zeitpunkt gebündelt sind, hier aber zeitig dessen Brisanz dokumentieren. Und da wird dann auch die Schärfe deutlich, die bei Mozart-da Ponte am Anfang des vierten Aktes auf ein Eifersuchtsgeschehen reduziert sind. Und entsprechend, aber erfolglos wehrte sich Beaumarchais gegen das Libretto.
Nun gut, um Eifersucht geht es natürlich auch im Schauspiel, aber das Brodeln der Revolution ist vernehmbar, und Hemmerle gelingt es im Verein mit Willy Daum, dies auch durch Bühnenmusik zu unterstreichen. Da grummelt es im Akkordeon, da verstärken Gitarren- oder Klarinettenklänge das Atmosphärische, sei es Amouröses, Hinterhältiges oder Aufbrausendes. »Anführer« der Band »Le Tiers Etat«, des dritten Standes«, ist mit Jakobinermütze Peter Ehm von der städtischen Philharmonie, der mit den Mitgliedern des Schauspielensemble bestens kooperiert.

Sehr gut der Regie hinzugearbeitet hat Bühnenbildnerin Johanna Maria Burkhart, die mit aufklappbaren Wänden das höfische Ambiente typisiert und durch mehrere »Häutungen« verblüffend den nächtlichen Park erreicht. Die geschmackvollen Kostüme von Yvonne Forster charakterisieren die Zeit und lassen sehr feinfühlend auf die »Befindlichkeit« – wie man heute sagt – der Figuren schließen. Und Thomas Niedermayer setzte dies alles ins rechte Licht. Regisseur Hemmerle erarbeitete mit seinem Darstellerteam präzise Studien, die in ihrer Differenzierung – halten zu Gnaden – weit über Opernklisches hinausgehen. Da ist etwa die Gräfin Almaviva, die in gesungener Manier immer Diva bleibt. Hier ist sie in der Darstellung von Kyra Lippler eine völlig verstörte Frau, die nach nur drei Jahren Ehe resigniert eine Affäre mit einem Knaben nicht ausschließt.
Wenn sie barfuß und unfrisiert ihre Kemenate verlässt, um später in höfischem Schuhwerk schreiten zu müssen, zeigt dies die Diskrepanz von Schein und Sein dieses aristokratischen Standes. Kyra Lippler vermittelt das sehr nachdrücklich und beklemmend, wie auch Roman Kurtz als Graf die Zerrissenheit dieser Person vermittelt. Er kommt »privat« regelrecht liederlich daher, immer bereit, schnell – um es drastisch zu sagen – die Hosen runterlassen zu können. Sehr plastische Bilder gelingen der Regie, wenn die Untertanen zwar devot vor ihm niederknien, aber ihn dabei quasi umzingeln, oder wenn der Dankeskranz bereits die Kokarde der Revolution trägt.
Frerk Brockmeyer als Figaro hat all das Störrische, Auftrumpfende, nach Veränderung Aufbegehrende, das dieser Rolle zusteht,

und als seine geliebte Suzanne spielt Christin Heim das Übermütige, Unbeschwerte so trefflich, dass es sich nur in mit Applaus belohntem, dreifachem Radschlagen entladen kann.

Im Verlauf des Stücks verdeutlicht sich das Aufmüpfige des Personals immer stärker, und zunächst ist es der Gärtner Antonio von Rainer Hustedet, der frei von der – geschwollenen – Leber weg spricht. Gunnar Seidel spielt zwei Rollen, wobei er sich als intriganter Musiklehrer Bazile eher verhalten zeigt, während er als blasierter Richter Brid’Oison mächtig auftrumpft.
Sebastian Fischer zeigt die ganzen pubertären Verstörungen des Cherubim, der wahrlich nicht weiß, ob er Männlein oder Weiblein ist. Schließlich bilden Petra Soltau und Harald Pfeiffer passend das Figaro-Elternpaar Marceline und Bartholo.
Wie gesagt – der Applaus war herzlich und kräftig für eine Aufführung, die Beweis war für die hohe Ensemblekultur am Stadttheater.

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