Figaros Hochzeit- Thomas Schmitz-Albohn



Figaros Hochzeit
Gießener Anzeiger, 16. März 2009Ohne Mozart geht es auch sehr vergnüglich zu
Mit Witz und Einfallsreichtum inszeniert Klaus Hemmerle Beaumarchais-Komödie „Der tolle Tag“ vor dem Hintergrund der nahenden Revolution

Die Revolution scheint fern, und der Adel treibt es auf dem Rücken der kleinen Leute wie eh und je, als ginge alles immer so unbekümmert weiter: Als 1784, fünf Jahre vor dem Sturm auf die Bastille, das Lustspiel „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732 bis 1799) in Paris herauskam, ging selbst dem König ein Licht auf, welch eine politische Sprengkraft darin steckte. Gastregisseur Klaus Hemmerle, der die turbulente Verwechslungskomödie am Gießener Stadttheater inszenierte, lässt die politische Brisanz von damals deutlich werden, indem er als Klammer vor und nach dem eigentlichen Spiel zeigt, wohin die von Beaumarchais geschilderten Verhältnisse führen: aufs Schafott. Im Nebel der Hinterbühne wird die feine Gesellschaft von einst zu Revolutionsliedern und Trommelschlägen auf dem Henkerskarren zur Guillotine gefahren. Wie brüchig, verderbt und in Konventionen erstickt die feudale Gesellschaft am Vorabend der Französischen Revolution war, das führte Beaumarchais mit entlarvendem Witz vor, das reizte Mozart in seiner Oper „Die Hochzeit des Figaro“ auf Grundlage des „Tollen Tages“ weiter aus, und das lässt auch Klaus Hemmerle in seiner zweieinhalbstündigen Inszenierung stets durchscheinen. Am Freitagabend war die vielbeklatschte Premiere.

Mit Geschmack und großem Geschick hält er das luftig-leichte Geschehen in der Balance, horcht auf die Zwischentöne, lässt die Komödie niemals in Klamauk ausarten, arbeitet punktgenau auf den Witz hin und stattet die Figuren mit vielerlei Facetten aus, die sie glaubwürdig erscheinen lassen. Das Publikum ist amüsiert, lacht herzhaft an vielen Stellen, bekommt allerdings auch die Anklagen Figaros über die moralische Verkommenheit der Aristokratie zu hören. Und wenn Figaro über Korruption, Spionage und gezahlte Abfindungen wettert, sind wir im Jetzt und Hier angekommen.

Musik liegt in der Luft. Da die Komödie in Aufbau und Dialogführung eine starke Affinität zu musikalischen Strukturen zeigt, liegt auch hier Musik in der Luft. Die eingängigen, von Willy Daum komponierten Stücke, die ihren Schwung zum Teil aus der französischen und spanischen Volksmusik beziehen, beweisen, dass es auch ohne Mozart so gut geht. Mit seinem Akkordeon ist der Orchestermusiker Peter Ehm stets auf der Bühne präsent, begleitet das gesprochene Wort oder unterstreicht in den Pausen das Gesagte auf seine Art. Bei der Szene im Park, in der es stockdunkel ist, lässt er die Bassklarinette tief und dunkel summen. Mit Saxofon, Gitarre und Schlaginstrumenten gesellen sich hin und wieder musikalisch talentierte Schauspieler zu Ehm und servieren gemeinsam flotte Weisen.

Extra-Applaus bei der Premiere erhielt das einfallsreiche Bühnenbild von Johanna Maria Burkhart, das im Zusammenspiel mit den hübschen Rokoko-Kostümen von Yvonne Forster einen Hauch des galanten Zeitalters verbreitet. Nichts ist dick aufgetragen, alles ist nur Zitat. Zwischen der hellen, leicht schrägen Spielfläche im Vordergrund und dem Schwarz der Hinterbühne hängt eine große, blutrote Fahne von oben herab. Die Spielfläche ist so präpariert, dass die Schauspieler mit wenigen Handgriffen einzelne Stellwände hervorziehen oder wieder im Boden verschwinden lassen können. So sind die verschiedenen Orte schnell markiert: Tapetenwände mit erotischen Darstellungen zeigen das künftige Schlafzimmer von Suzanne und Figaro, männliche Akte zieren die Wände im Gemach der Gräfin, und der Park, in dem alle Verwicklungen ihrem Höhepunkt zustreben, wird durch gemalte Bäume und Sträucher verdeutlicht.

Figaro ist nicht mehr der überlegene, fröhlich-tatkräftige Regisseur des Spiels, der er noch im vorangegangenen Beaumarchais-Stück „Der Barbier von Sevilla“ war, sondern der lebenskluge Diener, der bei sich über die Ungerechtigkeit der Gesellschaftsordnung empört und immer wieder versucht, seine Grenzen auszureizen. Frerk Brockmeyer spielt ihn als vitalen Naturburschen, gleichwohl wendig, pfiffig und voller Elan, der nie um eine Ausrede verlegen ist. Er durchschaut den Grafen und hält ihn zum Narren, um seine Braut vor dessen Nachstellungen zu retten.

Christin Heim ist sehr natürlich, frisch und schön, eine Suzanne, die mit dem Grafen jederzeit fertig wird. Der kecken und immer etwas vorlauten Zofe, die mit beiden Beinen im Leben steht, verleiht sie liebenswerte Züge und gibt eine kleine turnerische Einlage, wenn sie vor Freude Rad schlägt im langen
Rokoko-Kleid.

Graf ohne Glück. Weißgeschminktes Gesicht, Nachthemd, nackte Beine, offener Morgenmantel: Roman Kurtz gibt einen lüsternen Grafen Almaviva, der von morgens bis abends nur das Eine im Kopf hat. Er verkörpert keinen Schurken, sondern den Herrentypus einer untergehenden Epoche, der an diesem „tollen Tag“ einfach kein Glück hat bei seinen amourösen Abenteuern. Kyra Lippler zeigt uns als vernachlässigte, sexuell ausgehungerte Gräfin, die sich nach nichts anderem sehnt als der Liebe ihres Mannes, eine verunsicherte, im Inneren tief verletzte Frau. Der jünglingshafte Sebastian Fischer, neu im Gießener Ensemble, ist als Cherubim genau das richtige Spielzeug für die Damen; er spielt die Rolle des kleinen Schmeichlers mit Charme und Grazie.

Petra Soltau als heiratswütige Marceline und Harald Pfeiffer als knarziger Hagestolz Bartholo geben ein herrliches Intriganten-Paar ab. Gunnar Seidel verkörpert sowohl den schmierigen, Gitarre spielenden Bazile als auch den Dorfrichter mit Sprachfehler, bei dem er seinem komischen Talent freien Lauf lassen kann. Mit feiner Komik würzt auch Rainer Hustedt die Figur des Gärtners, der oft zu tief ins Glas schaut.

Das begeisterte Premierenpublikum dankte allen Mitwirkenden mit herzlichem Beifall für einen vergnüglichen Abend.Thomas Schmitz-Albohn, Gießener Anzeiger, 16. März 2009

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