Der nackte Wahnsinn- Marion Schwarzmann



Der nackte Wahnsinn
Gießener Allgemeine Zeitung, Marion Schwarzmann, 22. September 2008

Peinlich genaue Verabredungen sorgen für Chaos
Nach zwanzig Jahren wieder auf dem Spielplan: Stadttheater präsentiert »Der nackte Wahnsinn« in der Inszenierung von Matthias Kniesbeck

Tür auf, Tür zu. Sardinen rein, Sardinen raus. Die Tasche, die Tasche! Der Karton, der Karton? Tasche und Karton – beides weg! Was derartig profan klingt, entpuppt sich wieder einmal als Heidenspaß. Die Theaterwelt hat nämlich dem englischen Dramatiker Michael Frayn eine der brillantesten Komödien zu verdanken, die seit ihrer Uraufführung 1982 in London auch ihren Siegeszug auf deutschen Bühnen angetreten hat und schon einmal, exakt vor zwanzig Jahren, das Gießener Publikum euphorisch begeisterte. Auch bei der jetzigen Premiere am Samstagabend im Großen Haus des Stadttheaters sparten die Zuschauer nicht mit Applaus und allerlei positiven Zurufen, hatten sie doch mit »Der nackte Wahnsinn« knapp drei Stunden Unterhaltung pur erlebt.

Der schlichte Titel – im Englischen übrigens »Noises Off« – hält, was er verspricht. Eine drittklassige Schauspieltruppe steht am Vorabend zu ihrer Premiere des nichtssagenden Stückes »Nothing On«. Doch bei dieser Generalprobe will so gar nichts klappen. Türen klemmen, Requisiten werden falsch eingesetzt, und der Text kommt nicht auf Anschluss, die Pointe verschenkt. Der blanke Wahnsinn also, der sich in all’ der Aufregung am Theater vor einer Premiere so gerne breitmacht.

Aber dafür gibt es nicht nur einen Regisseur auf der Bühne, der in trefflicher Person von Roman Kurtz schon mal heftig und lautstark korrigierend eingreift. Es gibt auch einen Regisseur, der das ganze Durcheinander da oben sorgfältig einstudiert hat: Matthias Kniesbeck, dem Gießener Publikum durch seine »Anatevka«-Inszenierung noch in bester Erinnerung, hält auch beim »Nackten Wahnsinn« die Zügel sicher in der Hand. Wenngleich ihm im ersten Akt ein wenig der Gaul durchgegangen ist: Eine derartige Klamotte muss nicht noch exaltiert und wild gestikulierend gesprochen werden. Der ohnehin schon – Verzeihung, Mister Frayn! – alberne Text entfaltet wie eine Partitur seine komische Wirkung, ohne dem Affen Zucker geben zu müssen.

Worin nun liegt das Erfolgsgeheimnis dieser Farce? Nun, Michael Frayn konstruiert hier äußerst raffiniert ein Stück Theater auf dem Theater. Das heißt: Wir sehen nicht nur Schauspieler während der Probe beziehungsweise Vorstellung ihrer Produktion, wir lernen auch ihre Nöte und Sorgen als Privatperson kennen. Folglich haben fast alle Akteure zwei Rollen zu spielen und müssen noch dazu überredet werden, als gute Schauspieler schlechte darzustellen. Regisseur Matthias Kniesbeck, selbst viel beachteter Schauspieler, gelingt dies mit kollegialer Überzeugungskraft und dem ständigen Pochen auf das Handwerk. Schließlich müssen in diesem inszenierten Chaos alle Verabredungen peinlich genau eingehalten werden.

Und noch einen Clou hält Frayn für seine Fans parat: Im zweiten Akt sehen wir das ganze köstliche Treiben von der Rückseite. Inspizient Tim Allgood, von Johannes Lang herrlich verschlafen verkörpert, fällt die wunderbare Aufgabe zu, auf offener Bühne das funktionale Bühnenbild von Thomas Döll zu drehen. Ein Blick hinter die Kulissen also, die von allerlei gezimmerten Balken und Treppen abenteuerlich zusammengehalten werden und wo sich während der laufenden Vorstellung geradezu Dramen zwischen den Mitwirkenden abspielen, obwohl es eigentlich mucksmäuschenstill sein müsste.

Eifersucht, Liebeskummer, Nervösität und Überforderung haben sich im Laufe der Tournee durch die Provinz eingeschlichen, die im dritten Akt nach der Pause desaströs in Stockton-on-Tees endet. Schon lange reicht Roman Kurtz als Macho-Regisseur zur Beruhigung das Valium nicht mehr aus. Er reist mit einer Flasche Whisky an, um seinen Darling Brooke zum Weitermachen in der sexy Rolle der Vicky zu überreden.

Die erst 23-jährige Christin Heim, die hier in Gießen nach dem Abschluss ihres Schauspielstudiums ihr Debüt gibt, geizt nicht mit ihren Reizen und versteht es ganz wundervoll, das Klischee vom blonden Dummchen zu bedienen.

In seiner Selbstüberschätzung hat der Regisseur zu allem Überfluss auch noch ein Techtelmechtel mit der Regieassistentin Poppy angefangen, das nicht ohne sichtbare Folgen bleibt. Die treusorgende Gefährtin der Irina Ries verschafft sich in der entscheidenen Szene eindrucksvoll Gehör.

Christian Fries hat als Frederick Fellowes nicht selten eine lange Leitung, tappt dabei in jedes Fettnäpfchen – pardon: Eimer! – und muss als Philipp Brent, wie es sich für eine anständige Boulevardkomödie gehört, schon mal wirkungsvoll die Hose runter lassen. Carolin Weber behält in ihrem Doppelpart der Belinda Blair und Flavia Brent stets die Fassung und Übersicht, versucht selbst die größte Katastrophe noch mit Anstand zu richten.

Bei ihrem ständigen Kampf mit den Türklinken, Taschen und Kartons sind alle Akteure natürlich auch körperlich gut gefordert. Den Vogel aber schießt Gunnar Seidel als Garry Lejeune/ Roger Tramplemain ab: Sein spektakulärer Treppensturz will schon gekonnt sein, ohne große Blessuren davonzutragen.

Petra Soltau macht als Haushälterin Mrs. Clackett in ihrer weißen Küchenschürze samt 60er-Jahre-Frisur eine adrette Figur, auch wenn die Sache mit dem Teller voll Sardinen und dem Telefon nicht ganz so klappt, wie sie soll. Als Dotty Otley jedoch kann sie vor Eifersucht rasen und schon mal gehässig Schnürsenkel zusammenbinden.

Von all dem Getöse lässt sich einer nicht aus der Ruhe bringen, obwohl Harald Pfeiffer als Selsdon/Einbrecher ständig seinen Auftritt verpasst. Den Text hat er schon mal vergessen, denn längst sucht er seinen Lebenssinn auf dem Grund der Whisky-Flasche. Dabei warten alle nur auf eines: den letzten Satz und den erlösenden Vorhang. Dieses große Vergnügen sollte sich keiner in Gießen entgehen lassen!

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