Norway Today- Rüdiger Oberschür



Norway Today
Gießener Anzeiger, Rüdiger Oberschür, 4.Mai 2009

Am Bühnenrand warten 600 Meter Abgrund

Mit lautstarkem Applaus ist am Samstagabend Meike Niemeyers „norway. today“-Inszenierung im ausverkauften TiL vom Premierenpublikum aufgenommen worden. Dass technische Probleme in der zweiten Hälfte großflächige Videoeffekte zunichte machten, schien niemand gemerkt zu haben.

Viel zu gebannt verfolgten die meisten Zuschauer die absurd-tragische Partie, die Christin Heim als Julie und Rainer Hustedt als August hier in packenden, humorvollen wie berührenden eineinhalb Stunden hinlegen.

Im Prinzip handelt „norway. today“ ja auch ein bisschen vom Theatermachen. In diesem Falle eben vom Theater des Selbstmordes, dem Inszenieren des Ablaufs und des mediengerechten Abschieds. Auch wenn es zurzeit der Urauffühung 2000 am Schauspielhaus Düsseldorf noch nicht so stark im kollektiven Bewusstsein verankert war, funktioniert das Internet doch via „My Space“, „Studi VZ“ oder eben diversen Chatrooms als Bühne für Selbstdarsteller, die danach hungern, dass ihre Botschaften rezipiert werden.

Raus aus der Welt
Es ist das achte Stück des 1964 in Prag geboren Schweizer Architekten, Autors und Regisseurs Igor Bauersima. Im TiL war bereits 2003 seine Gen-Farce „Futur de Lux“ zu sehen. Nun also das Suizid-Drama, worin sich Julie und August im Internet verabreden, um auf einer norwegischen Fjordklippe gemeinsam in den Tod zu springen. Quasi nach einer wahren Begebenheit, denn Bauersima hat das Stück auf der Grundlage eines „Spiegel“-Artikels über den Doppelselbstmord einer Österreicherin und eines Norwegers geschrieben.

Aus der virtuellen Welt des Chatrooms, wo „alles nur Fake“, also Täuschung und Fälschung ist, geht es hinaus in der verschneite Wirklichkeit Nordeuropas. Doch die Suizidebene, das „sich selbst aus der Welt schaffen“, wie August es anfangs nennt, wird von einem romantischen Moment durchbrochen. Es ist eine sublime Beklemmung die Julie und August befällt, die changiert zwischen Todesangst einerseits und den Befürchtungen, was eine vielleicht lebensbejahende Zukunft mit dem Anderen bedeuten könnte.

Sprung in die Tiefe
Meike Niemeyer eröffnet diesen widerstreitenden Reigen in einer Ouvertüre der Dunkelheit. Auf den übergroßen Bauklötzen, die Thomas Döll lose auf die Bühne gebaut hat, sieht man nur menschliche Umrisse, hört dafür aber umso deutlicher auf die lakonische Umgangssprache der beiden Figuren und auf ihre beklemmende Verabredung. Dann wird vor der breiten, quer durchs TiL gespannten Zeltplane zum Gothic-Rock das Nötigste gepackt. Was folgt, ist die Ankunft am Fjord, und auf dem größten Kubus am rechten Bühnenrand geht es plötzlich 600 tief in den Abgrund. Genaue Gründe, wie in Wedekinds „Frühlings Erwachen“ etwa der Drill des altsprachlichen Gymnasiums, liefert Bauersima nicht. Es ist eine ziemlich unkonkrete Vermutung über das Ende des „da draußen“ und eine scheinbar unerträgliche Ausweglosigkeit „da drinnen“, die Julie und August umtreibt.
Christin Heim und Rainer Hustedt stellen das in einer exzellenten Duoleistung äußerst präzise her, spielen dezent, leise und zart und auch wieder laut, machen Scherze, beschimpfen und küssen sich und sinnieren in sinnlicher Ausführlichkeit wie sie wohl miteinander schlafen würden. Die Illustration durch die Videoarbeiten von Andreas Mihan funktionierte gerade dafür bei der Premiere absolut einwandfrei. Vorm Sprung in die Tiefe werden absurder Weise da Fußnägel lackiert, Ravioli gekocht und noch ein paar Bier getrunken.

Tod oder Liebe
Vor allem am Anfang lässt Regisseurin Heim und Hustedt genügend Raum für diesen fragilen Moment einer waghalsigen Entscheidung, der der Zuschauer gegenübersitzt, Raum für Pausen, für Kopfschütteln, Schulterzucken und Selbstzweifel, für konsequentes Ausspielen des Annäherns und Abstoßens. Heim gibt mal die schweigsame Göre, mal das tanzende Girlie und Hustedt passend den verträumten Tollpatsch, den sein Name markiert.
Niemeyer hat dabei das kühle Schillern der Figurenrede gut in den Griff bekommen. Da ist es kein wirklicher Beinbruch, wenn die Abschiedsbriefe, die beide (Julie sogar im Abendkleid) als letzte Videobotschaften festhalten wollen, eben nicht, wie es der Regietext vorgibt, im Hintergrund projeziert erscheinen. Der offene Seziertisch, auf dem Heim und Hustedt hier über Ehrlichkeit, Lügen, Komplexe, Liebe, Zukunft und Sinn verhandeln ist im positivsten Sinne von solch naiver Schönheit, dass man einen Besuch von „norway. today“ nur empfehlen kann. Auch wenn am Ende die beklemmende Einsicht im Raum steht, dass die Liebe vielleicht doch nicht immer stärker ist als der Tod.
Rüdiger Oberschür, Gießner Anzeiger, 4.5.2009

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