Baumeister Solness- Thomas Schmitz-Albohn



Baumeister Solness
Thomas Schmitz-Albohn, Gießener Anzeiger, 16.11.2009

Großartiges Duo: Christin Heim und Christian Fries in „Baumeister Solness“

Baumeister Halvard Solness hat sich zu einem der führenden Architekten des Landes nach oben gekämpft und dabei seinen einstigen Lehrmeister Knut Brovik verdrängt, den er nun gönnerhaft als Angestellten hält. Solness will den erreichten Platz halten, um jeden Preis, doch die Furcht vor der nachdrängenden Jugend raubt ihm die innere Ruhe: Christian Fries spielt den erfolgreichen Architekten als harten, rücksichtslosen Geschäftsmann unserer Tage, der sich in seine Arbeit verkriecht und die Menschen seiner Umgebung flapsig abkanzelt. Kein angenehmer Zeitgenosse – doch in seinem Inneren brodelt es.

In der Inszenierung des Schauspiels „Baumeister Solness“ von Henrik Ibsen im Gießener Stadttheater bieten Gastregisseur Wolfgam J. Starczeski und das hervorragend disponierte Ensemble ein spannendes Psychogramm verzweifelter Menschen, die schicksalshaft aneinander gekettet sind und nichts anderes können, als einander zu ängstigen und verletzen. Trost- und freudlose Atmosphäre Eine Atmosphäre der Trost- und Freudlosigkeit, aber auch der Konzentration und Stille herrscht in dem bewusst kargen und zugleich sehr raffinierten Bühnenraum von Lukas Noll, der einerseits dem Dichterwort großen Platz zur Entfaltung einräumt und in dem sich anderseits die Tätigkeit des Baumeisters sinnbildlich spiegelt: An den verschiedenen funktionalen Arbeitstischen des Architekturbüros wird still und emsig gearbeitet; im Hintergrund erhebt sich eine Wandschräge mit einem Muster, das an gotische Spitzbogenarchitektur erinnert. Man könnte sogar meinen, die berühmte Eismeerkathedrale im norwegischen Tromsö habe hier Pate gestanden. Diese Rückwand ist jedoch nicht starr und undurchdringlich, sondern kann sich öffnen. Licht fällt von oben durch die Spitzbögen, und plötzlich steht Hilde im Raum, ein frisches, selbstbewusstes Mädel vom Lande mit Rucksack, Wanderschuhen und gelber Wetterjacke.

Mit dieser ungewöhnlichen jungen Frau drängt nun doch die Jugend ins Spiel. Sie ist gekommen, um sich ein Versprechen erfüllen zu lassen, das er ihr angeblich vor zehn Jahren, als sie noch ein kleines Mädchen war, gegeben hat, nämlich dass er ihr Königreich schenken und ein Schloss für die Prinzessin errichten werde. Umschlag ins Irreale Mit einem Schlag kippt die anfangs reale Situation ins Irreale. In seiner überlegten, sehr genauen Personenführung zeigt der Regisseur jedoch, wie die unterschwelligen Ängste, Wünsche und Sehnsüchte bei Ibsens Figuren nach und nach zum Vorschein kommen. Die psychologisch ausgefeilten Dialoge verfehlen nicht ihre Wirkung, wobei auch das Schweigen die Spannung noch zu steigern vermag und die Worte, die zuerst nur wie beiläufig hingesprochen werden, erst später ihren Sinn und ihre Bedeutung für die nahende Katastrophe enthüllen.

Im Kraftfeld zwei ungewöhnlicher Menschen Mit Christian Fries als Solness und Christin Heim als Hilde verfügt der Regisseur über zwei großartige Darsteller, die zum einen die Ängste und Schuldgefühle des alternden Baumeisters und zum anderen die Obsessionen des schwärmerischen Mädchens glaubhaft werden lassen.

Starczewski klammert in der Beziehung der beiden die erotische Komponente weitgehend aus, was die ganze Sache noch rätselhafter macht. Und doch liegt eine geradezu elektrisierende Spannung in der Luft, wenn der eine in das Kraftfeld des anderen gerät. Mit großer Energie verkörpert Christian Fries einen Mann, der anfangs meint, sich mit Arroganz und Zynismus wappnen zu müssen, und zusehends den Halt unter den Füßen verliert.

Die ihm absolut ebenbürtige Christin Heim wahrt bis zum Schluss das Geheimnis des fremden, unheimlichen Mädchens, das Macht über andere hat und die geheimsten Wünsche des Baumeisters lesen kann.

Die anderen Figuren spielen in dem Drama zwar eine ungeordnete Rolle, doch auch sie sind so gut besetzt, das die hohe Spannung untereinander in der zweieinhalbstündigen Aufführung erhalten bleibt: In Carolin Webers Darstellung der von Schuldgefühlen zerfressenen Ehefrau Aline ist die Verzweiflung zum Greifen nahe, getröstet von Doktor Herdal (Roman Kurtz). Blass, krank, unterwürfig – so spielt Harald Pfeiffer den ausgebooteten Kollegen Knut Brovik. Als dessen Sohn Ragnar fährt Dominik Breuer erst am Ende aus der Haut, und die von Irina Ries gespielte Kaja Fosli setzt ihre erotischen Reize vergebens ein, um Solness zu gewinnen. Das bis zuletzt gebannte Premierenpublikum dankte allen Beteiligten mit lang anhaltendem Applaus. Weitere Aufführungen am 28. November, 5., 12. Dezember, 14. und 29. Januar jeweils um 19.30 Uhr. Thomas Schmitz-Albohn, Gießener Anzeiger, 16.11.2009

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